Ist Boxen gefährlicher als MMA?
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Lesezeit: 5 min
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Im Diskurs um Kampfsportarten wie Boxen und Mixed Martial Arts (MMA) stehen oftmals Vorstellungen von Gewalt, Brutalität und Risiko im Vordergrund. Doch jenseits der visuellen Eindrücke, die blutige Cuts, Knockouts oder spektakuläre Bodenkämpfe vermitteln, lohnt sich ein nüchterner, wissenschaftlich fundierter Blick auf die Gefährdungspotenziale dieser Sportarten – sowohl hinsichtlich der sofortigen Verletzungsgefahr als auch der langfristigen gesundheitlichen Folgen.
Inhaltsverzeichnis
Boxen und MMA unterscheiden sich nicht nur ästhetisch, sondern vor allem in ihrer Zielsetzung und Dynamik:
Boxen fokussiert sich ausschließlich auf das Schlagen mit den Fäusten in Richtung Kopf und Körper, was zwangsläufig zu einer hohen Frequenz von Kopftritten und -schlägen führt.
MMA hingegen integriert eine Vielzahl von Techniken (Schläge, Tritte, Clinches, Würfe, Bodenkampf), wodurch die Belastung des Kopfes im Verhältnis zu anderen Körperbereichen relativ reduziert ist. Die Diversität der Techniken ermöglicht häufigere Kampfunterbrechungen – etwa durch Submission-Versuche – bevor schwere Kopfverletzungen entstehen.
Beide Sportarten sind unbestreitbar gefährlich, doch die Art des Risikos unterscheidet sich grundlegend.
Eine breit zitierte Studie der Glen Sather Sportmedizin-Klinik der Universität Alberta untersuchte medizinische Nachuntersuchungen von 1.181 MMA-Kämpfern und 550 Boxern in einem Zeitraum von zehn Jahren. Die Ergebnisse waren differenziert:
Häufigere Verletzungen bei MMA-Kämpfern: 59,4 % aller MMA-Kämpfer erlitten irgendeine Verletzung, gegenüber 49,8 % der Boxer. Diese Verletzungen umfassten vornehmlich oberflächliche Schäden wie Prellungen, Cut-Wunden und Kontusionen.
Schwerere Verletzungen im Boxring: Boxer wiesen signifikant häufiger Bewusstlosigkeit, schwere Augenverletzungen oder klinische Symptome nach Kopftrauma auf als MMA-Athleten.
In der Interpretation dieser Daten lässt sich zusammenfassen: MMA mag zwar eine höhere Inzidenz von Verletzungen haben, doch sind diese oft weniger schwerwiegend als die konzentrierten Kopftraumata, die im Boxsport auftreten können.
Einer der kritischsten Aspekte im Vergleich von Boxen und MMA betrifft die Ermüdung und Schädigung des Gehirns:
Wiederholte Schläge gegen den Kopf gelten als zentraler Mechanismus für die Entwicklung von chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) – einer degenerativen Erkrankung des Gehirns, die insbesondere bei Boxern häufig dokumentiert wurde.
MMA-Kämpfer hingegen zeigen zwar Verletzungen auch im Kopfbereich, jedoch in geringerem Umfang pro Kampf. Auch die Möglichkeit, Kämpfe durch Submission statt durch Knockout zu beenden, reduziert die Gesamtexposition gegenüber repetitiven Hirntraumata.
Somit differenziert sich die gesundheitliche Gefährdung subtil, aber entscheidend: Boxen, mit seiner engen Fokussierung auf Schläge an Kopf und Oberkörper, ist potentiell gefährlicher für die langfristige Hirngesundheit als MMA.
Ein häufiges Missverständnis ist, dass MMA aufgrund von drastisch sichtbarem Blutverlust als gefährlicher angesehen wird als Boxen. Der leitende Forscher Shelby Karpman betonte jedoch, dass vieles von dem, was als brutal wahrgenommen wird, medizinisch gesehen harmloser ist, insbesondere wenn es um oberflächliche Wunden geht. Gleichzeitig bestehen im MMA größere Verletzungszahlen insgesamt, doch diese verteilen sich auf verschiedene Körperregionen.
MMA wirkt auf viele Zuschauer brutaler, da unterschiedliche Techniken – Schläge, Tritte, Würfe und Bodenkampf – kombiniert werden. Blutige Cuts sind visuell eindrucksvoll, jedoch oft oberflächlicher Natur. Studien zeigen, dass MMA zwar häufiger zu sichtbaren Verletzungen führt, diese jedoch im Durchschnitt weniger schwere Kopftraumata verursachen als im Boxen. Die visuelle Intensität ist daher nicht automatisch ein Indikator für medizinische Gefährlichkeit.
Das langfristige Risiko für chronische Hirnschäden – insbesondere im Zusammenhang mit wiederholten Gehirnerschütterungen – gilt im klassischen Boxen als höher. Der Grund liegt in der Fokussierung auf wiederholte Schläge gegen den Kopf über viele Runden hinweg. Im MMA hingegen können Kämpfe auch durch Aufgabe (Submission) beendet werden, wodurch die Dauer intensiver Kopfbelastung reduziert wird.
MMA umfasst ein breites Spektrum an Techniken, wodurch mehr Körperregionen betroffen sein können. Neben Kopfverletzungen treten häufig Prellungen, Platzwunden oder Gelenksverletzungen auf. Die Gesamtzahl der Verletzungen ist daher höher, die durchschnittliche Schwere einzelner Verletzungen jedoch oft geringer als bei typischen Boxverletzungen.
Sowohl im Boxen als auch im MMA wurden in den vergangenen Jahren die medizinischen Regularien deutlich verschärft. Dazu gehören verpflichtende medizinische Checks, Sperrfristen nach Knockouts sowie Ringärzte und strengere Kampfabbrüche. Dennoch bleibt Kampfsport ein Hochrisikosport, bei dem ein Restrisiko niemals vollständig ausgeschlossen werden kann.
Im Amateur- und Trainingsbereich gelten sowohl Boxen als auch MMA als vergleichsweise sicher, sofern sie unter qualifizierter Anleitung und mit entsprechender Schutzausrüstung ausgeübt werden. Das Verletzungsrisiko im regulären Training ist deutlich geringer als im Profikampf. Entscheidend sind Technikschulung, kontrolliertes Sparring und eine hochwertige Ausrüstung, die Schutz und Stabilität bietet.
Die Frage „Ist Boxen gefährlicher als MMA?“ lässt sich nicht pauschal mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Vielmehr zeigt sich:
Boxen verursacht weniger Verletzungen im Vergleich zur Gesamtzahl aller MMA-Verletzungen, führt jedoch zu häufigerem und schwerwiegenderem Kopftrauma mit potentiell langfristigen Folgen.
MMA ist insgesamt häufiger mit Verletzungen verbunden, jedoch vielfach oberflächlicherer Natur und weniger stark fokussiert auf wiederholte Schläge an den Kopf.
Beide Sportarten bergen Risiken – aber sie unterscheiden sich in Art, Schwere und langfristigen Folgen. Diese Erkenntnisse sollen nicht abschrecken, sondern die öffentliche Diskussion versachlichen und Athleten, Trainern und Gesundheitsexperten ein fundiertes Verständnis ermöglichen.